Phase One XT & IQ4 150MP

Mehr geht nicht!

Proträt Roberto Casavecchia- Profot AG

Beitrag von:

Roberto Casavecchia

Fachmann Digital Printing, Workshopleitung und Werbung bei Profot AG

Mein Erfahrungsbericht zur Phase One XT und dem IQ4 150MP Digitalrückteil, welcher auch im High-End-Fotomagazin ''FineArtPrinter" erschienen ist, hat aufzeigt: Mehr geht nicht!

Vielleicht ist die Aussage «Mehr geht nicht» etwas übertrieben, auf alle Fälle wird es extrem schwierig sein mehr zu machen. Was ist überhaupt gemeint damit: die Bildqualität, die Auflösung, der Dynamikumfang, die Farbtreue? Sie können mir glauben, ich könnte noch mehr Eigenschaften auflisten, z.B. natürliche Wiedergabe, Mikrokontrast, etc.

Aussergewöhnlich? Nein, galaktisch.

Phase One hat in ihrer Pressemitteilung das XT Kamerasystem mit erstklassiger Technologie und aussergewöhnlicher Bildqualität apostrophiert. Ich durfte die Phase One XT mit dem IQ150MP Digitalback und dem Rodenstock HR Digaron-W 32 mm f4 für einige Tage ausprobieren. Obwohl ich nicht alles bis zum letzten Detail testen konnte, muss ich Phase One widersprechen: die Technologie und Bildqualität ist nicht aussergewöhnlich, sondern galaktisch. Ich glaube, dass ich das Adjektiv «galaktisch» noch nie verwendet habe um irgend eine Eigenschaft bzw. Qualität zu beurteilen. Gleichzeitig ist das Ganze auch sehr frustrierend, wenn man wieder mit der «irdischen» Ausrüstung fotografieren muss. Darum möchte ich schon an dieser Stelle meine wärmste Empfehlung loswerden: für knapp 52’000 Franken bekommt man die Phase One XT mit dem IQ4 150MP Digitalback sowie einem Rodenstock HR Digaron Objektiv nach Wahl. Falls Sie sich das leisten können, kaufen Sie diese einmalige Kombo, anstatt den Betrag in ein Premium Auto zu investieren – mehr geht nicht.

Phase One XT – kompakt, praktisch und vor allem verstellbar


Die neue Phase One XT ist eine verstellbare, technische Kamera, die hauptsächlich für Landschafts- und Architekturfotografen, aber auch für das Studio gedacht ist. Sie ist äusserst kompakt und trotz robuster Bauweise mit 700 Gramm sehr leicht. Eigens für diese Kamera wurde ein spezieller Objektivanschluss mit 14 elektronichen Kontakten realisiert. Die drei Rodenstock XT HR Digaron Objektive, die zur Zeit erhältlich sind, haben einen speziellen elektromagnetischen Verschluss. Es können Verschlusszeiten von 1/1000 Sek. bis 60 Min. verwendet werden. Nebst der elektronischen Übertragung der Verschlusszeit und Blende, wird auch die vertikale und horizontale Verschiebung in Millimetern übertragen. Diese Werte erscheinen auch im RAW-Konverter Capture One und werden für die Korrektur der chromatischen Aberrationen und der geometrischen Verzeichnung verwendet. In einem weiteren Schritt wird es dann auch möglich sein die LCC-Korrektur (Lens Cast Correction) automatisch vornehmen zu lassen. Wir reden hier von Farbverschiebungen die vor allem bei Weitwinkelobjektiven sichtbar sind, erst recht wenn diese verstellt werden. Zur Zeit müssen diese Farbkorrekturen über eine zusätzliche Belichtung mit einer Milchglasartigen Kalibrationsplatte, die vor dem Objektiv gehalten wird, durchgeführt werden.

Vertikale und horizontale Verstellung des Digitalrückteils


Die Phase One XT ermöglicht gleichzeitig eine vertikale und horizontale Verstellung von max. 12 Millimeter. Kleinbildkameras können keine solchen Verstellungen anbieten, ausser man verwendet sogenannte Tilt-/Shiftobjektive, die aber immer nur entweder horizontal oder vertikal verschoben werden können. Die Verstellung des Objektivs statt des Rückteils hat aber den Nachteil, dass durch die Verschiebung der optischen Achse, Parallaxenfehler beim Stitchen von Aufnahmen entstehen. Die vertikale Verschiebung erfolgt bei der Phase One XT durch zwei griffige Rändelschrauben, ähnlich wie bei den Cambo WDS Kameras. Das Mass der Verschiebung wird nicht nur an den entsprechend angebrachten Skalen am Kameragehäuse angezeigt, sonden auch auf dem Display des angeschlossenen Phase One IQ4 Digitalbacks. Das ist sehr praktisch, da je nach Position der Kamera die Skalen nicht immer einwandfrei ablesbar sind. Die Phase One XT Kamera kann ganz einfach von Quer- auf Hochformat umgestellt werden, ohne dabei das Rückteil entfernen zu müssen.

Unglaublicher Dynamikumfang


Phase One gibt in den technischen Spezifikationen des IQ4 150MP einen Dynamikumfang von 15 EV (Exposure Value) oder Blendenstufen an. Das kommt mir ein wenig vor, wie früher beim Infoblatt zu den Leica Objektiven, wo bei der Auflösung der Vermerk «genügend» stand. Ein bisschen Understatement tut ja gut, ich habe aber ohne Probleme 18 EV erreicht und dies mit schneller «quick'n'dirty» Umwandlung in Capture One ohne Pseudo-HDR und Maskierungen.

Phase One IQ4 150MP – Auflösung bis zum Abwinken

Das IQ4 150MP Rückteil besitzt einen CMOS BSI-Sensor (Backside Illuminated Sensor) wie wir ihn von der Nikon D850 oder Sony A7R IV kennen. Bei dieser Technologie trifft das Licht vom Objektiv direkt und von hinten auf die lichtempfindlichen Sensorzellen. So wird mehr Licht aufgenommen, was einen grösseren Dynamikumfang ermöglicht. 150 Megapixel muss man sich zuerst einmal vorstellen. Das sind 14’204 x 10’652 Pixel, die auf dem 53.4 x 40 mm grossen Sensor Platz haben. Damit wird eine native Printgrösse von ca. 120 x 90 cm ermöglicht. Wenn man die FineGrain 3.0 Vergrösserungs-Aktion vom FineArtPrinter verwendet, dann kann man sogar ein gigantisches Druckformat von ca. 240 x 180 cm erzielen. Leider gibt es zur Zeit keinen FineArt Drucker, der dieses Format ausgeben kann. Sie können mit dem Phase One IQ4 150MP aber auch 4 Bilder zusammensetzen und erzielen eine Datei von sage und schreibe 20’588 x 17’043 Pixel, was einer Druckgrösse von ca. 174 x 130 cm bei 300 ppi entspricht.

Very Smart – Frame Averaging


Dank der Funktion «Frame Averaging», können Langzeitbelichtungen ohne ND-Filter gemacht werden. Das IQ4 nimmt automatisch eine vordefinierte Anzahl von Bildern auf und setzt sie zu einem einzelnen RAW-File zusammen. Damit kann nicht nur das Bildrauschen reduziert, der Dynamikumfang zusätzlich erweitert oder die Lichter mit Zeichnung versehen werden – es ist genial, wenn man bewegte Elemente, wie Autos, Passanten, Vögel, Insekten, etc. nicht im Bild haben möchte.

118 Lp/mm in der Bildmitte


Ich hatte leider nicht genügend Zeit um das HR Digaron-W 32 mm f4 so zu testen, wie es eigentlich sein sollte, darum können wir auch kein Auflösungsdiagramm veröffentlichen. Ich konnte aber in der Bildmitte der schmaleren Sensorhöhe etwa 9400 Linien ermitteln. Das sind 88% der theoretischen Bildauflösung auf der schmalen Sensorseite und umgerechnet etwa 118 Lp/mm (Linienpaare pro Millimeter) – ein absolutes Traumergebnis. In den Randbereichen, vor allem wenn noch extrem verstellt wird, sinkt die Auflösung natürlich schon etwas, bewegt sich aber immer noch auf sehr hohem Niveau. Das Rodenstock HR Digaron-W 32 mm f4 ist die ideale Optik für die Phase One XT mit dem IQ4 150MP. Die für das Kleinbild Vollformat entsprechende 21 mm Brennweite ist extrem versatil und bei der riesigen Auflösung von 150 MP können problemlos grosszügige Ausschnitte in erstklassiger Qualität gemacht werden.

Für 150 MP braucht es gutes Glas: Rodenstock HR Digaron Objektive


Um die 150 Megapixel des Phase One IQ4 Digitalbacks richtig ausnützen zu können, müssen Hochleistungsobjektive verwendet werden. Zur Zeit sind drei Rodenstock HR Digaron Objektive erhältlich. Es sind zwei Weitwinkelobjektive: das HR Digaron-S 23 mm f5.6 (entspricht 15 mm bei Kleinbild) und das HR Digaron-W 32 mm f4 (21 mm bei KB) und die Normaloptik HR Digaron-W 70 mm f5.6 (45mm bei KB). Die beiden Weitwinkel kosten ca. 11’800 Franken und das Normalobjektiv etwas mehr als 8’200 Franken. Das ist viel Geld, aber diese Linsen müssen schon Aussergewöhnliches leisten. Der Pixelpitch des IQ4 150MP beträgt gerade mal 3.76 Micron. In den Unterlagen von Rodenstock über das HR Digaron-W 32 mm f4, das mir für den Test zur Verfügung stand, steht etwas von 5.2 Micron. Theoretisch würde dies also für die Auflösung des IQ4 150MP nicht genügen.

Für diesen Erfahrungsbericht wurden folgende Produkte verwendet:

Roberto Casavecchia mit der Phase One XT am Fotografieren

Die Phase One XT ist trotz robuster Bauweise äusserst kompakt und einfach in der Bedienung. Damit die 150 Megapixel des IQ4 Digitalbacks auch wirklich ausgenutzt werden können, ist ein stabiles Stativ ein absolutes Must.

Strasse in Italien mit Kirche im Gegenlicht der Sonne - Copyright Roberto Casavecchia

Gegenlichtaufnahme mit der Sonne voll im Bild. Phase One XT Kamera, IQ4 150MP und Rodenstock HR Digaron-W 32 mm f4. Hier wurde die maximale Verschiebung von 12 mm ausgenützt bei Blende f9 und einer Belichtungszeit von 1/50 Sek.

Phase One XT Body Front- und Rückansicht

Die Bedienelemente der Phase One XT: der blaue Auslöseknopf (1) aktiviert durch leichtes Antippen die LiveView Ansicht. Durch Drücken der beiden Hebel (2) kann das Objektiv gewechselt werden. Der Wechsel von Quer- zu Hochformat geschieht durch Entriegeln der Festklemme (3). Mit den Rändelräder (4) kann das Digitalrückteil vertikal und horizontal verschoben werden.

Einziger Wermutstropfen dieses Beitrags: schade muss man so ein Teil wieder zurückgeben. Ein Feedback oder allfällige Fragen dürfen Sie mir gerne per E-Mail zukommen lassen.

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Die Phase One XT mit dem IQ4 150MP Rückteil und dem Rodenstock HR Digaron-S 23mm f5.6

Die verstellbare Phase One XT Kamera mit dem IQ4 150MP Digitalrückteil und dem Rodenstock HR Digaron-S 23 mm f5.6 Objektiv.

Screenshot Frame Averaging

Einstellungsmöglichkeiten für Frame Averaging

Tabelle mit Bildformaten des Phase One IQ4 150MP

Das Phase One IQ4 150MP bietet unglaubliche Leistungsreserven für Fotografen, die mit anderen Bildformaten arbeiten möchten.

Strahlengang bei veränderter Verstellung des Objektivs oder des Digitalbacks

Wenn das Rückteil, sprich der Sensor der Kamera verschoben wird, können keine Parallaxenfehler entstehen, da die optische Achse unverändert bleibt. Das ist ganz wichtig beim Stitchen von mehrere Aufnahmen für Panoramen oder zur Erhöhung der Bildauflösung.

Eine unglaubliche Auflösung und Detailwiedergabe: Klicken Sie sich durch diese Galerie, um zwei Bildausschnitte bei 100% Bildgrösse zu sehen. Die Originalgrösse des ganzen Prints, bei 300 ppi, würde ca. 120 x 90 cm betragen.

Was aber noch interessanter erscheint, ist die Möglichkeit mit anderen Bildproportionen arbeiten zu können. Zum Beispiel 7:6, 5:4 oder quadratisch 1:1. Aus der entsprechenden Tabelle können Sie leicht entnehmen, dass selbst beim quadratischen Format mit 10’652 x 10’652 Pixel immer noch über 110 Megapixel zur Verfügung stehen. Das ist wirklich Auflösung bis zum Abwinken. Beim Phase One IQ4 150 MP imponiert vor allem das Rendering, d.h. die überaus natürliche und farbtreue Darstellung in den Schatten- sowie Lichterbereichen. Die extrem schöne und detaillierte Darstellung von Feinstrukturen ohne jegliche, digitale Artefakte ist in dieser Art einzigartig.

RGB- und RAW-Histogram auf dem Phase One IQ4 150MP Digitalrückteil

2 Aufnahmen eines Gebäudes: Links ohne Korrektur, Rechts mit verbesserter Dynamik dank Verschiebung des HDR-Tiefenreglers in Capture One.

Unglaublich was der BSI-Sensor des IQ4 150MP leistet: Quick ’n Dirty, ohne jegliche Maskierungsarbeiten, nur mit dem Anheben des Tiefenreglers im HDR-Tool (rechts) von Capture One wird eine Schattendurchzeichnung erzielt, die ihresgleichen sucht.

Bildkreis der Rodenstock HR Digaron Objektive auf verschiedenen Sensorgrössen

Ein Vergleich der Bildkreisdurchmesser für die Rodenstock HR Digaron Objektive. Das 23 mm kann höchstens 3 mm verschoben werden. Das 32 mm und 70 mm können die zur Verfügung stehenden 12 mm problemlos ausnützen.

Das Phase One XT-SystemDrei Hochleistungsobjektive von Rodenstock speziell für die Phase One XT Kamera: links das HR Digaron-W 32 mm f4, in der Mitte das HR Digaron-S 23 mm f5.6 und rechts das HR Digaron-W 70 mm f5.6.

RGB- und RAW-Histogramm werden durch eine Clip-Anzeige ergänzt, die in verschiedenen Stufen zeigt, in welchem der drei RGB-Kanäle des RAW-Files keine Zeichnung mehr vorhanden ist.